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Lutz von Nordheim

Mundart und Idiome

Hennebergisches IdiotikonZella-Mehlis gehört seit der Länderbildung im Jahre 1920 politisch zum Land bzw. zum Freistaat Thüringen.

Ortsfremden stellt sich jedoch immer wieder die Frage, warum hier eigentlich so extrem anders gesprochen wird, als z.B. in den ebenfalls thüringischen Regionen um Eisenach, Gotha und Gera oder gar in der Landeshauptstadt Erfurt. Die Erklärung dafür ist leicht auszumachen: Südlich des Rennsteigs spricht man nämlich die verschiedenen Arten der hennebergischen Mundart. Diese ist eine ostfränkische und gehört dadurch zu den oberdeutschen Sprachen. In den vorgenannten Städten und deren Umfeld hingegen spricht man thüringisch und somit eine mitteldeutsche Sprache. Eigentlicher Grund für die harten sprachlichen Unterschiede zwischen Zentralthüringen und dem Gebiet südlich des Rennsteigs ist der Gebirgskamm des Thüringer Waldes selbst. Dieser stellt(e) geografisch gesehen eine alte Landes- und Wasserscheide dar. Darüber hinaus war er aber auch eine kulturräumliche Grenze hinsichtlich der volkskundlichen Zugehörigkeit und damit auch der Sprache.

Aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Freistaat Thüringen wird der Landstrich südlich des Thüringer Waldes heute fälschlicherweise als Südthüringen bezeichnet. Nordfranken wäre hingegen die weitaus zutreffendere geografische und auch ethnologische Bezeichnung. Dieses Gebiet wurde nämlich einstmals durch seine Besiedlung aus dem mainfränkischen Raum geprägt. Bis zum heutigen Tage hat sich dies z.B. in den hier nachweisbaren fränkischen, besser hennebergischen Sitten, Gebräuchen, Baudenkmalen und eben auch in der Mundart erhalten.

Man kann in Südthüringen auch noch heute von Region zu Region mundartliche Unterschiede wahrnehmen. So unterscheidet sich z.B. jene im benachbarten Suhl schon recht deutlich von der in Zella-Mehlis gesprochenen. Und selbst zwischen dem Zellaer und dem Mehliser Dialekt sind Unterschiede auszumachen.

In unserer Mundart sind Ausdrücke, Bezeichnungen und Namen über Jahrhunderte unverfälscht konserviert worden, sodass man diese als ein lautsprachliches Dokument betrachten kann. Bisher konnten nahezu 900 solcher Idiome erfasst werden. Nur zum geringen Teil werden diese auch noch in der heutigen Umgangssprache verwendet. Neben der typischen Aussprache ist die hiesige Mundart durch die Verwendung von Doppel- und Dreifach-Adjektiv-Idiomatismen gekennzeichnet. Im Duden, dem Standartwerk der deutschen Rechtschreibung, kann man all dies nicht finden.

Bereits Martin Luther stellte dahingehend auch fest, "... man mus die mutter ihm hause, die kinder auff der gassen, dem gemeinen man auf dem marckt drumb fragen, vnd den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden ...".

Eine Reihe von Zellaern und Mehliser sind auch als Verfasser von mundartlichen Abhandlungen in Lied- und Textform bekannt geworden, in denen z.B. mehr oder weniger erbauliche örtliche bzw. regionale Themen behandelt wurden. Zu diesen Autoren zählen z.B. Alfred Oehring (1863 - 1938), Charly Bader (1871 - 1952), Fritz Büchner (1876 - ?), Gustav Barthelmes (1879 - 1955), Willy Barthelmes (1887 - 1967), August Paatz (1887 - 1977), Otto Eduard Büchner (1899 - 1929), Bruno Josiger (1902 - 1994), Willi Bauer (1904 - 1993), Gerda Gratz (1912 - 2000), Werner Wahl (1914 - 1989), Werner Ansorg (1920 - 2006), Walter Mai (1921 - 2015), Walter Reuß, Claus Amberg (*1935) sowie ein bisher unbekannter gebliebener Autor, der seine Arbeiten stets mit dem Synonym Robertsohn zeichnete. Einige Abhandlungen genannter Autoren sind als Druck erschienen. Später wurden Mundartvorträge auch auf Tonträger gebannt. Diese dienen mittlerweile als Dokumente der zeitgenössischen Aussprache des örtlichen Dialektes.

Die Aussprache unserer Mundart war durch zunehmende externe Einflüsse über die Jahrhunderte immer auch einem Wandel unterworfen. Grundlage für den Weiterbestand der örtlichen Art zu sprechen, war dabei stets die Pflege in der Familie. Leider wird der Dialekt seit Mitte des 20. Jh. nur noch in wenigen Zella-Mehliser Familien gesprochen. So ist trotz des Engagements einiger Enthusiasten zu befürchten, dass die örtliche Mundart in wenigen Jahrzehnten verschwunden sein wird. Damit ginge ein wesentlicher Bestimmungspunkt unserer regionalen Identität unwiederbringlich verloren.

 

Letzte Bearbeitung: 29.01.2018, 13:11
  
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Letzte Änderung:
06.02.2018, 09:42